Vor 145 Jahren sank der Dampfer «Neptun» in einem Sturm. Von 17 Menschen überlebten nur zwei. Die Naturgefahren haben sich bis heute nicht geändert, die technischen Hilfsmittel schon.

Es sollte ein fröhlicher Ausflug werden, als vor 145 Jahren eine kleine Gesellschaft aus Biel und Umgebung an Bord des kleinen Dampfschiffs «Neptun» ging. Das Wetter ist an diesem Tag wie gemacht für die geplante Ausfahrt, welche die 16-köpfige Gesellschaft aus Biel und Umgebung, bestehend aus sieben Ehepaaren und zwei ledigen Lehrerinnen, von Biel nach Auvernier am Neuenburgersee und wieder zurückbringen soll. Was mit lachenden Gesichtern und Gesang während der Ausfahrt aus dem Bieler Hafen beginnt, sollte nur einige Stunden später in einer Tragödie enden.
Das Schiff, welches zuvor bereits fünf Jahre lang unter dem Namen «Schwalbe» seinen Dienst als Linienschiff auf dem Vierwaldstättersee getan hatte, war erst seit Kurzem im Besitz der «Neptungesellschaft», welche damit Linien- und Ausflugsfahrten anbieten wollte. Die Gesellschaft hatte nur einen Maschinisten fest angestellt, dazu den Schiffsführer als Saisonnier.
Ab und zu lenkte aber auch einer der Passagiere den rund zehn Meter langen und zwei Meter breiten Schraubendampfer, welcher von einer Maschine mit rund zehn Pferdestärken angetrieben wird. So auch an diesem verhängnisvollen 25. Juli des Jahres 1880. An diesem Tag sitzt Karl Zigerli-Affolter, Lehrer und Vorsteher der Mädchensekundarschule, am Steuer.

Die kleine Gesellschaft macht sich um etwa 13 Uhr auf den Weg. Als man schliesslich durch den Zihlkanal in den Neuenburgersee gelangt, beginnt sich die Katastrophe bereits anzubahnen. Vom Creux du Van her ziehen dunkle Wolken auf und die Luft wird schwer. Deutliche Anzeichen dafür, dass sich ein Gewitter ankündigt und es eigentlich Zeit wird, einen Hafen anzulaufen. Doch Auvernier liegt zum Greifen nah, und so wird die Fahrt fortgesetzt. Die Ausflüglerinnen und Ausflügler erreichen schliesslich kurz nach Neuenburg den sicheren Hafen. Dort kehren sie in ein Restaurant ein.
Auf der Rückfahrt wird ein zweiter Halt auf der St. Petersinsel eingelegt, wo sie vom Pächter des Restaurants herzlich empfangen werden. Es wird getrunken, gefeiert und Klavier gespielt, als der Gastgeber den für die Ausfahrt auserwählten Bootsführer Zigerli zur Seite nimmt und ihn vor dem Aufziehen eines schweren Gewitters warnt. Es sei ratsam, so bald als möglich wieder in See zu stechen, um noch einen sicheren Hafen zu erreichen. Nach kurzem Zögern brechen die 16 Passagiere und der Maschinist Zigerli-Affolter von der Südseite der Insel mit der «Neptun» in Richtung Biel auf.
Ein fataler Fahrfehler führte zur Katastrophe
Noch will niemand wirklich glauben, dass Gefahr droht. Denn von dieser Südseite der St. Petersinsel sind die dunklen Wolken über dem Jura nicht auszumachen. Beim Ablegen wird zum Abschied noch einmal gesungen und der Dampfer fährt in den inzwischen unruhigen Bielersee hinaus. Gegen 19.30 Uhr geraten Schiff und Besatzung schliesslich ins Unwetter, bei welchem es sich mit grosser Sicherheit um einen sogenannten Joran, auf Deutsch «Grüner Jäger», handelt. Dieser für die Region typische Fallwind kündigt sich oft lange vor dem Ausbruch mit einer bedrohlichen, dunkelgrauen Wolkenwand über dem Jura an. Von einem auf den anderen Moment fegt der Wind dann über den Bielersee hinweg und entfesselt seine ganze Gewalt.

Als das geschieht, wird auch Zigerli bewusst, dass ein heiles Durchkommen bis nach Biel unter diesen Bedingungen nicht möglich ist. Er dreht das Steuer nach links, um im Hafen von Tüscherz Schutz zu suchen – ein fataler Fehler. Mit diesem Manöver stellt er den Dampfer quer zu Wind und Wellen. Durch die vergrösserte Angriffsfläche kentert das Schiff, füllt sich in einem horrenden Tempo mit Wasser und sinkt. Die 14 Passagiere, welche sich in der Kabine befanden, haben keine Chance und wurden in die Tiefe gezogen. Einzig drei Männer werden über Bord gespült, darunter auch Zigerli. Zwei von ihnen konnten von einem zu Hilfe eilenden Boot gerettet werden, die Leiche von Zigerli wurde am nächsten Tag am Ufer entdeckt.
Genau einen Monat nach dem Unglück konnte das Wrack dank einer Spezialanfertigung aus Nidau aus einer Tiefe von 75 Metern geborgen werden. Dazu wurde eine Metallkonstruktion um den Rumpf des Schiffs gelegt, um dieses an die Oberfläche zu ziehen. Darin wurden zehn weitere Leichen gefunden, vier weitere blieben vermisst.

Plötzlicher Wetterumschwung wurde auch dem ehemaligen Bieler Baudirektor zum Verhängnis
Ein Unglück mit so vielen Toten gab es seither nicht mehr auf dem Bielersee. Doch die Schifffahrt auf dem Binnengewässer ist keineswegs immer so harmlos, wie sie sich an einem schönen Sommernachmittag zeigt. Das zeigt auch der Fall von Walter Gurtner. Der damalige Bieler Baudirektor war am 19. Mai 1973 mit seiner Frau Denise Gurtner mit seinem Jollenkreuzer auf dem Bielersee unterwegs. Sein Sohn war im Hafen von Vingelz und werkelte an seinem eigenen Boot. Es sei ein warmer Tag mit eher wenig Wind gewesen, berichtet er später. Der Himmel sei grau gewesen, aber es habe nichts auf einen Sturm hingedeutet, als wie aus dem Nichts eine ungeheure starke Windböe über den See fegte. Das Schiff seiner Eltern und rund zehn weitere Boote kenterten.
Ein Motorboot wollte dem erfahrenen Segler und seiner Frau zu Hilfe eilen. Denise Gurtner, welche eine Schwimmweste trug, konnten sie mithilfe eines Seils ohnmächtig aus dem 13 Grad kalten See retten. Als sie sich daranmachen wollten, ihrem Ehemann zu helfen, sank Walter Gurtner nur wenige Meter entfernt vom Motorboot in die Tiefe. Seine Leiche wurde später von Polizeitauchern etwa 50 Meter vom Unglücksort entfernt, am Grund des Sees gefunden.
Wetterapps und Sturmwarnvorrichtung können das Risiko senken
Heute haben Bootsunglücke auf dem Bielersee oft mit dem hohen Verkehrsaufkommen auf dem Gewässer zu tun. Aber auch das Wetter kann nach wie vor tückisch sein und zu gefährlichen Situationen führen. Laut der Seepolizei könne es zwar auch heute noch vorkommen, dass Schiffe kentern würden. Durch technische Hilfsmittel lasse sich die Gefahr im Vergleich zu früher aber besser erkennen und einordnen.
Sie empfiehlt, zur Früherkennung von Gewittern oder Unwettern Hilfsmittel wie Wetterapps aktiv zu nutzen. Zudem gibt es an den meisten Seen eine Sturmwarnvorrichtung. So auch am Bielersee. Die orangefarbenen Blitzlichter rund um den See warnen mit 40-mal blinken pro Minute vor Starkwind (Böenspitzen zwischen 46 und 61 Stundenkilometern) und mit 90-mal blinken pro Minute vor einem Sturm (Böenspitzen von über 61 Stundenkilometern). Das System wurde am Bielersee in den 1960er-Jahren eingeführt. Zuvor wurden andere Signale wie Windsäcke oder akustische Warnungen genutzt. Ebenfalls seit den 60er-Jahren, genauer seit 1963, ist die Seepolizei am Bielersee präsent. Heute ist sie mit modernen Booten ausgestattet und das ganze Jahr über rund um die Uhr erreichbar und einsatzbereit.



Hinterlasse einen Kommentar