Lukas Hafner

Journalist

Hier sollten wir im Krieg Schutz finden – ein Besuch in der grössten Zivilschutzanlage des Kantons

Hunderte Zivilisten sollen im Notfall längere Zeit in der Anlage an der Bieler Alpenstrasse ausharren können. Ein Besuch zeigt: So einfach ist das nicht.

Eggli führt über einen kleinen Korridor und durch dicke Bunkertüren direkt zum unterirdischen Parkplatz. Er erklärt: «Hier würden im Krisenfall die Betten aufgestellt werden.» Denn die Einstellhalle, in der in Friedenszeiten Autos stehen, ist Teil der Zivilschutzanlage und soll den 1467 Schutzsuchenden im Notfall als Schlafraum dienen.

Bei der Einfahrt ist ein dickes Panzertor installiert, das bei Bedarf geschlossen werden kann. Doch die Einstellhalle ist nur ein kleiner Teil der Anlage. Eggli öffnet eine unscheinbare Tür und tritt ins Dunkel.

Schutz vor atomaren, biologischen und chemischen Angriffen

Der Kommandant knipst die Taschenlampe an. In diesem verborgenen Bereich der Anlage wurde der Strom schon vor längerer Zeit abgestellt, «aus Sicherheitsgründen», wie er sagt. Der Lichtkegel fällt als Erstes auf zwei Herdplatten und einige abgedeckte Küchengerätschaften. Von hier aus müssten die Menschen im Bedarfsfall mit Nahrung versorgt werden.

Etwas weiter hinten beginnt der Bereich mit den Toiletten und Waschräumen. Die sanitären Einrichtungen sind einfach gehalten und bestehen aus einem Gerüst und einigen Holzplatten, an denen Waschbecken installiert wurden. Für etwas Privatsphäre sind vor den Toilettennischen Vorhänge aufgehängt, die Toiletten selber sind mobil und ähneln eher Eimern.

Das besagte Herzstück – oder besser gesagt, die Herzstücke der Anlage – befinden sich im hinteren Teil. Einerseits ist dort die Luftfilteranlage eingebaut, die im Krisenfall dafür sorgen würde, dass die Bevölkerung auch vor atomaren, biologischen und chemischen Bedrohungen geschützt wäre. Selbst bei einem kompletten Stromausfall könnte sie durch eine lange Kurbelwelle mit Muskelkraft am Laufen gehalten werden.

Andererseits sollte das grosse Notstromaggregat und der dazugehörige Kraftstofftank für Elektrizität sorgen. Die dritte unverzichtbare Komponente würden die grossen Wassersäcke bilden. Diese müssten aber erst noch gebracht und durch einen grossen, vorinstallierten Schlauch aufgefüllt werden.

Zu wenig Personal und Mängel: «Die Anlage ist derzeit nicht einsatzbereit»

Die Anlage in Biel entstand aber nicht, weil etwa die Stadt vorsorgen wollte. In der Schweiz gilt seit den 60er-Jahren ein Gesetz, das für jede Bürgerin und jeden Bürger einen Schutzplatz in einem Bunker vorschreibt. 370’000 Schutzräume entstanden so. Darin würden mehr Menschen Platz finden, als die Schweiz Einwohner hat. Doch viele der Zivilschutzanlagen stammen noch aus der Zeit des Kalten Krieges.

Die Zeit ist auch bei der Bieler Anlage aus den 70er-Jahren nicht spurlos vorbeigegangen. Und die alternde Infrastruktur ist nicht die einzige Herausforderung. Das wird spätestens beim Anblick der enormen Anzahl an fein säuberlich aufeinandergestapelten Bettgestellen klar. Bei drohender Gefahr müssten Zivilschützer diese in der Einstellhalle aufbauen und die gesamte Anlage bezugsbereit machen. Das müsste innerhalb von fünf Tagen geschehen, zumindest in der Theorie.

Denn: «Die Anlage ist derzeit nicht einsatzbereit», sagt der Zivilschutzkommandant ohne zu zögern. Das sei bei der letzten periodischen Schutzraumkontrolle 2023 festgestellt worden. So müsste die Anlage beispielsweise abgedichtet werden, damit kein Wasser mehr eindringen kann. Doch nicht nur die festgestellten Mängel seien ein Problem. Der Zivilschutz habe auch nicht mehr genügend Personal, um alle Anlagen auf einmal und innerhalb kürzester Zeit bezugsbereit zu machen.

Sind die Schutzplätze also nur auf dem Papier vorhanden? Nein, sagt Eggli, die Schutzplätze gebe es schon. Alleine in Biel seien immerhin 886 Schutzräume vorhanden. Aber die Friedensdividende nach Ende des Kalten Krieges hat auch beim Zivilschutz ihren Tribut gefordert, weiss er aus eigener Erfahrung. Eggli ist seit 23 Jahren beim Zivilschutz in Biel und seit elf Jahren dessen Kommandant. Bis zur Zivilschutzreform 2004 habe es noch für jede Anlage Schutzraumverantwortliche gegeben und alleine in Biel habe man mehr als 1500 Zivilschützer gehabt. «Mit der Reform wollte man sich damals an die neue sicherheitspolitische Lage nach dem Kalten Krieg anpassen. Weg vom Fokus auf bewaffnete Konflikte, hin zu Naturkatastrophen.»

Damit einher ging auch eine Kürzung der Schutzdienstpflicht von 20 auf noch zwölf Jahre. Heute würden in Biel noch gerade einmal rund 400 Zivilschützer zur Verfügung stehen. Zudem sind für Anlagen, die vor und noch während 2025 kontrolliert wurden, die festgestellten Mängel erst bis zur nächsten Schutzraumkontrolle in zehn Jahren zu beheben. Im Fall des Bieler Schutzraumes bis spätestens im Jahr 2033. Immerhin: Diese Praxis wurde inzwischen vom Kanton geändert. Mängel bei Schutzräumen, die ab 2026 kontrolliert werden, müssen nun innerhalb von zwei Jahren behoben werden.

Auf welche Gefahren sich der Zivilschutz auszurichten hat und wie viele Mittel dazu zur Verfügung stehen, ist letztlich eine politische Frage. Zu einem tiefgreifenden Richtungswechsel konnte man sich in der Politik bisher aber noch nicht durchringen.

Eine schnelle Verbesserung der Situation wäre möglich

Trotz in die Jahre gekommener Infrastruktur und Personalmangel habe man in der Schweiz aber auch viel richtig gemacht, sagt Eggli. Denn nur wenige Länder haben eine derart ausgebaute Infrastruktur, wie ein Blick über die Grenze zeigt. In Europa hat nebst der Schweiz einzig Finnland die Kapazität, grosse Teile seiner Bevölkerung in Atomschutzbunkern unterzubringen. In vielen Ländern gibt es gar keine oder nur sehr wenige Schutzplätze. So könnten beispielsweise in Deutschland gerade einmal rund 0,5 Prozent der Bevölkerung Schutz finden. «Unsere Ausgangslage mit den vielen Schutzbauten ist verhältnismässig komfortabel. Bei einem entsprechenden Entscheid und mit mehr Mitteln wäre es möglich, sämtliche Objekte relativ schnell wieder einsatzbereit zu machen», erklärt Eggli. Bei vielen Anlagen sind es vor allem einzelne Komponenten wie spröde Gummidichtungen in Filteranlagen, durchgelegene Feldbetten oder defekte Trocken-WCs, die ersetzt werden müssten.

Um die Probleme anzugehen, hat der Bund kürzlich erste Massnahmen getroffen. So hat der Bundesrat erst im Oktober beschlossen, die bestehenden Schutzbauten zu erhalten und deren Werterhalt zu gewährleisten. Dazu sollen etwa die Ersatzbeiträge erhöht werden. Das sind jene Beiträge, die von Hausbesitzerinnen und Hausbesitzern gezahlt werden müssen, wenn sie bei einem Neubau keinen eigenen Schutzraum in ihrem Haus bauen möchten. Zusätzlich sollen Studien zu Schutzbauten für Pendlerinnen und Pendler durchgeführt werden. Diese könnten in bestehende Infrastruktur wie Bahnhöfe, Garagen oder Tunnel integriert werden, um Personen, die im Krisenfall nicht in der Nähe ihres Schutzraums am Wohnort sind, einen sicheren Platz zu bieten. Diese würden die bisherigen Anlagen nicht ersetzen, sondern ergänzen. Bei den «alternativen Schutzeinrichtungen», wie sie der Bund nennt, würde es sich um technisch weniger komplexe Schutzräume handeln. Sie sollen die Menschen vor konventionellen Waffen wie Raketen oder Drohnen schützen, nicht aber vor einem Atomschlag.

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