Obwohl die Schweiz genügend Schutzräume für die Bevölkerung hat, variiert die Verfügbarkeit an Plätzen je nach Gemeinde. Im Seeland müssten im Krisenfall einige im Nachbarort Schutz suchen.
Es sind unsichere Zeiten in Europa. Mit dem militärischen Überfall der Russen auf die Ukraine im Februar 2022 überquerten erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder Hunderttausende Soldaten eine international anerkannte Grenze und rückten Richtung Kiew vor. Die ukrainischen Streitkräfte verteidigten Land und Leute nach Kräften und konnten zur Verwunderung vieler Beobachter und auch Expertinnen den Vormarsch stoppen und die Invasoren gar zurückdrängen. Die Russische Föderation droht seit Beginn des Konflikts auch unverhohlen den europäischen Staaten mit einer Eskalation und lagert grosse Mengen an Material und Munition in Lagern ein. Der deutsche Geheimdienst rechnet damit, dass die russische Armee ab 2029 einen Angriff auf weitere europäische Staaten wagen könnte, die Polen gar bereits ab 2027.
Der Krieg zieht sich mittlerweile seit rund dreieinhalb Jahren und hat sich zu einem brutalen Abnutzungskrieg unter massiven Verlusten an Mensch und Material auf beiden Seiten entwickelt. Während ukrainische Soldaten und Soldatinnen an der Front kämpfen, überziehen die Russen das Hinterland mit massiven Drohnen- und Raketenangriffen. Die Zivilbevölkerung muss Schutz in Bunkern oder in U-Bahn-Schächten suchen.

Verfügbarkeit von Plätzen hängt von Bautätigkeit ab
Die Rückkehr der Machtpolitik und die Brutalität des Krieges hat auch die Schweizer aufgerüttelt und zu Diskussionen über die Verteidigungsfähigkeit, aber auch über den Schutz der Zivilbevölkerung im Krisenfall geführt. Während hierzulande seit den 60er-Jahren ein Gesetz für jede Bürgerin und jeden Bürger einen Schutzplatz in einem Bunker vorschreibt, sieht es in unseren Nachbarländern weniger rosig aus. In der Schweiz sind rund 370’000 Schutzräume vorhanden, welche mehr Menschen fassen, als das Land Einwohnende hat. Hingegen könnte etwa Deutschland gerade einmal rund 0,5 Prozent der Bevölkerung in Schutzräumen unterbringen.
Aber auch in der Schweiz sind nicht alle Gemeinden gleich gut ausgestattet. Das zeigt sich auch bei einem genaueren Blick aufs Seeland und die sogenannte Schutzplatzbilanz. Diese zeigt den prozentualen Anteil der Bevölkerung an, welcher in einer Krisensituation in der eigenen Gemeinde einen Schutzplatz hätte. Während Gemeinden wie Ipsach (120 Prozent) oder Brügg (115 Prozent) eher gut aufgestellt sind, bieten die Schutzbauten in Biel nur Platz für 78 Prozent der Bevölkerung und jene in Nidau gar nur für 69 Prozent.
Laut dem Amt für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär des Kantons Bern bedeute das aber nicht, dass einige Menschen keinen Platz hätten. Weil es insgesamt genügend Anlagen gebe, würden beispielsweise einige Bielerinnen und Bieler in Nachbargemeinden untergebracht. Da die Zivilschutzanlagen ab Mitte der 1960er-Jahre gebaut wurden, stehe die Verfügbarkeit an Plätzen stark mit der Bautätigkeit seit dieser Zeit in Zusammenhang. Gemeinden mit alter Bausubstanz und tiefer Bautätigkeit hätten damit tendenziell weniger Plätze.
Um dem entgegenzuwirken, müssen in Gemeinden mit mehr als 1000 Einwohnenden, welche eine Schutzraumbilanz von unter 120 Prozent aufweisen, bei Neubauten von Wohnhäusern ab 38 Zimmern Schutzräume erstellt werden. In Gemeinden mit weniger als 1000 Personen bereits bei Neubauten ab 11 Zimmern.
In Biel befindet sich der grösste Schutzraum des Kantons Bern
Die Mehrheit der Schutzräume befindet sich in Privathaushalten. Dieses Bild zeigt sich auch in Biel. Hier bieten elf öffentliche Schutzräume Platz für 4187 Menschen. Dem gegenüber stehen 845 private Schutzräume mit Platz für 38’526 Personen, wie André Glauser, Leiter Öffentliche Sicherheit und Sicherheitsdelegierter der Stadt Biel, erklärt. Die Anlagen werden mindestens alle zehn Jahre von den Behörden auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüft, damit sie im Ernstfall einsatzbereit wären. Würde sich in der Schweiz oder im grenznahen Ausland ein bewaffneter Konflikt abzeichnen, kann durch die Behörden vorsorglich ein Schutzraumbezug angeordnet werden. Schutzräume, egal welcher Grösse, müssen dann innerhalb von fünf Tagen betriebs- und einsatzbereit gemacht werden können.

Zwar mangelt es in Biel an Schutzplätzen, doch der grösste öffentliche Schutzraum des Kantons Bern befindet sich in der Stadt. In der Anlage bei der Einstellhalle an der Alpenstrasse könnten im Notfall 1467 Schutzsuchende Zuflucht finden. Zusätzlich zu den öffentlichen Anlagen müssen auch geschützte Spitalplätze zur Verfügung gestellt werden. In Biel sind diese laut Glauser unter dem Spitalzentrum und dem ehemaligen Kinderspital Wildermeth untergebracht.
Obligatorische Sicherheitsveranstaltungen und Flyer zu Krisen und Krieg
Nicht nur bezüglich der Schutzbauten wollen Bund und Kanton vorbereitet sein, sondern auch im Hinblick auf die Information der Bevölkerung. Am 11. September 2024 hat der Grosse Rat des Kantons Bern ein neues Zivilschutzgesetz beraten und verabschiedet. Dieses enthält unter anderem auch Bestimmungen zu obligatorischen Informationsveranstaltungen. An diesen sollen Schweizerinnen und Schweizer sowie Ausländerinnen und Ausländer mit Wohnsitz in der Schweiz für die Themen Sicherheit und Bevölkerungsschutz sensibilisiert werden. Die Veranstaltungen müssten in der Regel im 23. Altersjahr besucht werden. Zudem beabsichtigt die Regierungskonferenz Militär, Zivilschutz und Feuerwehr, in Zusammenarbeit mit dem Bund einen Flyer zu erarbeiten, welcher der Bevölkerung der Schweiz helfen soll, besser auf Krisen und Krieg vorbereitet zu sein.








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